Geschichte des Instituts Teil IV: Nach 1945 - Neuaufbau und Erfolge bei Olympia

Nach Kriegsende: Dr. phil. Karl Feige übernimmt die Überreste des IFL

Nach der Kapitulation im Mai 1945 öffnete die Universität in Kiel im November 1945 wieder ihre Pforten zwischen Trümmern und auf ramponierten Schiffen – man kann sich heute nicht mehr vorstellen, unter welch katastrophalen Bedingungen in Kiel in den Jahren 1946 bis 1949 studiert werden musste.

Dr. phil. Karl Feige

Abb. 6  Dr. phil. Karl Feige im Jahre 1940 als Direktor und Reg. Rat des HIfl in Jena. Obgleich in jenen Jahren die meisten Führungspersonen in Militäruniformen oder in braunen SA-Uniformen herumliefen, zeigte sich Feige am liebsten im sportlichen Dress und als Sportlehrer.

Quelle: Frau Kläre Biederbeck, geb. Feige, Tochter von Dr. K. Feige und seiner Frau Elfriede Feige, geb. Bracht. Frau K. Biederbeck wohnt in Kiel-Schilksee; sie hat das Foto dem Verfasser zur Verfügung gestellt.










 

1948: Gerhard Kowalzig gründet den Sportärzte-Bund Schleswig-Holstein

Wenn man großzügig rechnet, dann ist Dr. med.Ernst Kowalzig der erste Sportarzt der Universität Kiel gewesen, bis 1928 offiziell die Stelle eines Sportarztes in der Medizinischen Klinik eingerichtet wurde. Sein Sohn Gerhard ging 1937 als junger Sportmediziner und NSDAP-Mitglied mit Dr. Münter nach Königsberg, wurde im Krieg aber zu den Marinefliegern nach Amrum versetzt. Er gründete mit ca. zwanzig anderen Ärzten 1948 in der neuen Universität Kiel den »Sportärzte-Bund Schleswig-Holstein«.

Dieser Vereinigung von Sportärzten diente Prof. Dr. med. H. Rieckert von 1975 bis 2009 als Vorsitzender, und Prof. Dr. med. B. Weisser leitet diesen Verband ab dem Jahre 2009. – Nachdem Dr. G. Kowalzig 1951 eine eigene Praxis eröffnete, ist die alte Universitätssportarztstelle des HIfL bis 1974 verwaist gewesen. Dr. Feige hat daher die medizinische Fakultät um Unterstützung bei der Ausbildung der Sportstudierenden gebeten, was durch Lehraufträge für Physiologie, Anatomie und Orthopädie für Sportstudierende geschehen ist. 

Ab 1946: Abgespeckte Sportlehrerausbildung und freiwilliger Hochschulsport vor dem Neuanfang

Der unermüdlichen Initiative Dr. Feiges ist es zu verdanken, dass der freiwillige Hochschulsport und eine »abgespeckte« Sportlehrerausbildung ab 1946 wieder in die Gänge kommen. Man begann mit vier Lehrkräften, mit sechsundzwanzig Sportstudenten und mit einhundert vier Studentinnen und Studenten im freiwilligen Hochschulsport. Eine wichtige personelle Größe beim Aufbau des HIfL war Rudolf Gauch (*1915 - †1979). Dr. Feige kannte Gauch als Sportlehrer von der Marine. Gauch war ein ausgezeichneter Turner, der 1942 Deutscher Meister an den Ringen und 1944 Deutscher Meister im Pferdsprung gewesen ist; außerdem war er 1942 Zweiter im  »Deutschen Zwölfkampf« hinter Helmuth Bantz aus Speyer. Gauch, der in Leipzig 1942 die staatliche Prüfung

als »Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer« mit gutem Erfolg bestanden hatte, wurde ab dem 23. April 1946 als Sportleiter am HIfL eingestellt. 1952 war Gauch Mitglied der deutschen Olympiamannschaft in Helsinki. Bis zu seinem Ruhestand 1978 war er Disziplinchef des Allgemeinen Deutschen Hochschulverbandes im Kunstturnen, 1972 wurde er Internationaler Kampfrichter bei den Olympischen Sommerspielen in München. Gauch ist es zu verdanken, dass der freiwillige Hochschulsport Anklang bei den Studierenden fand. 1954 beteiligten sich neunhundertvierzig Studierende am Hochschulsport von ca. zweitausendzweihundert Studierenden, was einem Anteil von 43 von einhundert sportaktiven Studierenden entsprach.

1956: Die erste universitätseigene Turnhalle

1956 wird in den Räumen der neuen Universität die erste universitätseigene Turnhalle eingerichtet, sogar mit »Schnitzelgrube« für Kunstturner, die Gauch gefordert hatte. Das Konsistorium der Universität hatte zwar schon 1910 den Bau einer eigenen Turnhalle empfohlen, wurde in diesen Planungen aber durch den 1. Weltkrieg unterbrochen. Auch der zweite Planungslauf in den Jahren 1928 bis 1932 führte nicht mehr zum Bau einer Universitätsturnhalle auf dem Grundstück der Adolfstraße 3, weil die neuen Machthaber der Universität und der Stadt Kiel ab 1933 andere Pläne verfolgten.

In der Folge hat Gauch mit Kieler Studierenden dreiundzwanzig  Hochschulsportmeisterschaften im Kunstturnen gewonnen. Am 12. Juli 1978 wird Rudolf Gauch mit 63 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Rudi Gauch ist in Kiel und in Schleswig-Holstein als Turnfachwart hoch geachtet worden. Die große Turnhalle des Landessportverbandes am Winterbeker Weg in Kiel trägt ihm zu Ehren seinen Namen. Doch nicht nur im Turnen gewinnt das Kieler HIfL an Ansehen.

Im Zeichen von Olympia: Das "goldene Jahr 1960" der Ruderer

Das Jahr 1960 wird zum »goldenen Jahr« für die Kieler Hochschulsportruderer. Denn in Rom erringt der sog. »Deutschlandachter« anlässlich der XVII. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit die Goldmedaille. In dem Boot saßen vier Ruderer des Kieler Akademischen Turnvereins Ditmarsia, die vom Kieler »Universitätsrudertrainer« Karl Wiepcke (*1911 – †1973) trainiert wurden; und vier Ruderer vom Ratzeburger Ruderclub, die vom Ratzeburger Studienrat Karl Adam vorbereitet wurden. Sieben der acht Ruderer studierten in Kiel an der CAU. Man sprach intern auch vom »Ratze-Kieler- Achter«. OStR Karl Adam war der Bundestrainer des Deutschlandachters.

Karl Wiepcke leitete von 1949 bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1973 die Ruderausbildung am HIfL. Wiepcke hatte sein 1930 begonnenes Studium als Turn- und Sportlehrer mit dem zweiten Fach Romanistik 1935 ohne Staatsexamen verlassen, weil der Reichsbund für Leibesübungen ihm eine volle Stelle als Wandersportlehrer in Mecklenburg und später als Reichssportlehrer für Rudern angeboten hatte. Nach dem Krieg, den er als Oberleutnant d.R. im Heer erlebte, wurde er Landesjugendwart des Turnverbandes Niedersachsen, ehe er den Kontakt mit Dr. Feige aufnahm. Diesen kannte er von der Ruderei in Rostock. Dr. Feige stellte ihn am 16. April 1951 als Sportlehrer fürs Rudern und für die Leichtathletik ein. Doch dem Rudersport gehörte das Herz Wiepckes.

So organisierte er im Olympiajahr 1952 eine Ruderwanderfahrt durch den schwedischen Götakanal. 1955 nahm erstmals nach dem Kriege ein deutscher Vierer an der internationalen Regatta von Dünkirchen teil: das war Karl Wiepcke als Steuermann mit dem Ditmarsen-Vierer aus Kiel. Sie gewannen das Rennen, so dass der Ditmarsen-Vierer sogar mit der deutschen Nationalhymne geehrt wurde. 

Der Deutschlandachter hat seinen Ursprung in Kiel

1956 gewann der Ditmarsen-Achter die nordische Regatta; 1959 erzielte die Renngemeinschaft Kiel-Ratzeburg mit sieben Kieler Studenten in Macôn auf der Saône einen sensationellen Weltrekord mit 5:51,7 Min. auf der 2000m Strecke – der Deutschlandachter war geboren, eine gemeinsame Leistung von Karl Wiepcke und Karl Adam, die sich ergänzten. Der OStR für Mathematik, Physik und Leibeserziehung Adam war der naturwissenschaftliche Kopf und Experimentator, Wiepcke die Seele der Renngemeinschaft. Er konnte die Mannschaft immer wieder zu Höchstleistungen motivieren.

Nach dem Olympia Gold von Rom trennten sich die Wege von Karl Adam und Karl Wiepcke. Wiepcke leitete nunmehr Trainerseminare in Südkorea, Japan, Israel und Schweden. Mitte der sechziger Jahre baute er in der Rudergemeinschaft Germania Kiel eine leistungsstarke Frauenmannschaft auf, die im September des Jahres 1969 in Klagenfurt die Bronzemedaille im »Vierer mit« gegen eine übermächtige Ostphalanx erstritt. Dieses Boot wurde ausschließlich von Karl Wiebke trainiert. Die Ruderinnen hießen: Ilse Lebert (Schlagfrau), Bärbel Seddig, Astrid Kallmayr und Heike Witt; Steuerfrau war Erika Rehberg. Bärbel Arndt geb. Seddig wurde 1973 als Dozentin für Rudern, Leichtathletik, Schwimmen, Gymnastik, Volleyball und Handball im HIfL angestellt.

Ab dem Gold-Jahr 1960 plante Dr. Feige den Bau eines neuen Sportinstitutes mit Sportspielhallen, einer Schwimmhalle und großzügigen Sportplätzen – das heutige Sportforum der CAU (vgl. Abb.7, 8 u. 9). Bei diesen Planungen mahnte Dr. Feige Landespolitiker und die Rektorate der CAU und der PH, die Ausbildung von Sportlehrern für alle Schularten in einer einzigen Lehr- und Forschungsstätte in Kiel zusammenzufassen, um Personal und Mittel ökonomisch einsetzen zu können. Bis zum SS 1970 ist OStD Dr. Feige der amtierende Direktor des HIfl. Er begleitete den offiziellen Architektenwettbewerb 1966 und den Baubeginn des Universitätssportzentrums.

 Modell: Preisgekrönter Entwurf für das Kieler Sportforum 1967
Abb.7 Preisgekrönter Entwurf für das Kieler Sportforum 1967 - Modell Dipl. Ing. Nickels, von Gerkan und Marg (Hamburg) Quelle: Karl Feige (1967). Der Wiederaufbau des HIfL nach dem Kriege bis zur Planung eines Sportforums. Christiana Albertina, Heft 4, Nov. 1967, S.70