Geschichte des Instituts Teil III: Das IfL während der NS-Zeit

1933: Wehrsport als Plicht

Nach der Machtübernahme im Januar 1933 änderten sich das Studium der Leibeserziehung und der Betrieb des Hochschulsportes nicht nur in Kiel, sondern an allen deutschen Universitäten und Hochschulen radikal. Das Berliner »Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung« (REM) baut die Sportinstitute an den Hochschulen systematisch zu »Wehrsporteinrichtungen« aus. Anstelle des seit vielen Semestern geübten freiwilligen Studentensports, der auch freiwillig ausgeübten »paramilitärischen Sport« zuließ, galt für alle Universitäten ab dem 1. Mai 1933 die Vorschrift, ausschließlich Wehrsport unter der Anleitung von Fachkräften der Sturmabteilung (SA) der NSDAP pflichtmäßig abzuleisten, und zwar für die ersten drei Semester.

Bei unregelmäßiger oder nur gelegentlicher Beteiligung drohten Sanktionen bis zum Studienverbot. Im Juni 1933 folgte ein weiterer Erlass, dass nur noch Mitglieder von Wehrorganisationen wie z.B. der »SA, der SS oder des Stahlhelms« studieren durften. Alle Studenten sollten sich somit einer dieser Organisationen »freiwillig« anschließen. Für Frauen wurde ein Studium seit dieser Zeit wieder erschwert, obgleich seit 1919 alle Studienbeschränkungen für Frauen im Deutschen Reich aufgehoben wurden. Ein Studium der Leibesübungen wurde Studentinnen auf Antrag jedoch genehmigt. Die Studierenden der »Leibesübungen und körperlichen Erziehung« hatten zusätzlich zwei weitere Sportsemester abzuleisten, bevor sie sich einer »Wissenschaftlichen Prüfung« unterziehen durften.

Und noch etwas ganz Entscheidendes kam hinzu: Ab dem Frühjahr 1933 wurde in allen staatlichen und privatrechtlichen Organisationen das Demokratie- und Toleranzprinzip durch das »Führer- und Arierprinzip« verdrängt. D.h. Deutschland wurde zu einem rassistischen Staat umgebaut, der nach dem Führerprinzip verwaltet wurde. Alle demokratischen Strukturen wurden ausgemerzt. Nur ideologisch zuverlässige Leute wurden in Führungspositionen befördert. Dieses waren langjährige Parteimitglieder der NSDAP, der SA oder anderer Gruppierungen, welche der NSDAP nahestanden.

Freimaurer Dr. Strempel wird zurückversetzt

Infolgedessen wundert man sich heute nicht mehr, dass Dr. Strempel als Altphilologe in der Funktion eines Studienrates an das »Staatliche Gymnasium«, dem Vorläufer der Kieler Gelehrten Schule, zurückversetzt wurde, weil er kein Nationalsozialist war und auch keiner NS-Organisation angehörte.  Im Gegenteil, Dr. Strempel ist wohl zeitweilig Mitglied einer »Freimaurer Loge« gewesen. Diese Logen galten als »pazifistisch und internationalistisch«. Sie wurden angeblich vom sog. »Weltjudentum« gesteuert, weshalb sie 1934 von den Nationalsozialisten verboten und verfolgt wurden.

 Der Nachfolger von Dr. Strempel wurde das NSDAP-Mitglied Dr. phil. nat. Ernst Münter (*1899 – †1983), der bis 1937 das Sportinstitut leitete, das ab 1936 als »Hochschulinstitut für Leibesübungen« (HIfL) firmierte. Auch Dr. med. Petersen sowie die beiden studentischen Mitarbeiter in den Sportarten, die »Hiwis« Voigt und Franke, wurden aus ähnlichen ideologischen Gründen wie Dr. Strempel Ende 1933 aus ihren Funktionen entlassen. Für Dr. med. Petersen wurde der SA-Sturmbann-Arzt Dr. med. Wilhelm Meister (*1906 – †1944) als Sportarzt eingestellt, während Universitätsfechtlehrer Richard Pohle, parteilos, bis zu seinem frühen Tode 1939 im Amte blieb.

Danach wurde diese Position nie mehr besetzt. Denn alle Korporationen, die schlagenden und die nicht-schlagenden Verbindungen, wurden aufgelöst und verboten oder zu sogenannten Kameradschaften mit nationalsozialistischen Vereinigungen zusammengefasst. Mit Richard Pohle, dem dreizehnten Fechtlehrer der Christiana Albertina, ist somit 1939 nach 273 Jahren regen Fechtens diese Tradition unserer Universität erloschen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sportliches Fechten im Programm des freiwilligen Hochschulsportes bis in die jüngste Gegenwart immer wieder angeboten; aber eine feste Position eines »Universitätsfechtlehrers« gibt es nicht mehr in Kiel.

Hochschulmeisterschaften im Florett 1926
Abb. 5
Universitätsfechtmeister Richard Pohle als Wettkampfrichter bei den Kieler Hochschulmeisterschaften im Florett im SS 1926. Vgl.  Strempel, K. R. (1927). Die Leibesübungen an deutschen Hochschulen. Leipzig: Quelle & Meyer; Abb. 17.

Ausbau der Sportinstitute - Sechs weitere Sportlehrer in Kiel

Indes werden die Sportinstitute der Hochschulen nach der Machtübernahme personell und materiell ausgebaut. Denn bis 1937 werden noch zusätzlich sechs Sportlehrer im Kieler HIfL angestellt, und zwar die Herren Berndt, Hagelberg, Hülß, Johannsen und Voß sowie Fräulein Laging, so dass der Personalstamm in jener Vorkriegszeit aus neun Sportlehrern mit NSDAP-Parteibuch bestand. Nach der politisch spektakulären Versetzung von Dr. Münter an das HIfL in Königsberg, einer expansiven »Grenzland Universität gegen das Slaventum«, übernimmt NSDAP-Mitglied Dr. Erich Lindner (*1908 – †1973) aus Bonn  bis 1940 die kommissarische Leitung des Kieler HIfL.

Doch der 1939 vom Zaune gebrochene Krieg verwirbelte und verschlang das Personal des HIfL beinahe vollkommen. Denn alle Kieler Sportlehrer wurden eingezogen oder an andere Institute versetzt. An der Front starben die Sportlehrer Berndt, Dederich, Ehlers, Hülß und Voß sowie Dr. med. Meister. Pro Forma leitete Studienassessor Rolf Hagelberg bis 1942 das Institut. Dann wurde auch er eingezogen, so dass die Sportlehrerin Hanna Laging die HIfL- Geschäfte führen musste. Am 16. September 1944 meldet sie dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, dass »das HIfL Kiel, Adolfstr. 3, durch den Terrorangriff am 26./ 27. August völlig ausgebrannt ist. Durch den Verlust des Institutsgebäudes ist das gesamte Hochschulinstitut f. L. vernichtet worden. Die Vernichtung der einzelnen Übungsstätten ist dem Ministerium bereits durch einen Bericht mitgeteilt worden«. Das HIfl existierte nicht mehr und die Sportlehrerin Frau Laging wurde am 1. Oktober 1944 als Krankenschwester eingezogen.

1940: Sportlehrerausbildung ruht

Seit 1940 ruhte die Sportlehrerausbildung im Kieler HIfL ohnehin, weil diese auf ministerielle Veranlassung nur noch in Berlin, Leipzig, Jena, München und Wien ausgebildet wurden. Die Blütezeit der Kieler Sportlehrerausbildung der Weimarer Republik war lange, lange vergessen. Die Nachfrage nach einem Sportlehrerstudium blieb in den dreißiger Jahren etwa auf dem Niveau der Zahlen der Weimarer Republik, nämlich zwischen vierzig bis sechzig Sportstudierende pro Semester. Der Krieg veränderte alles. Insgesamt sinkt die Studentenzahl in Kiel bis 1942 auf etwa vierhundert; sie steigt dann wieder etwas an mit bis zu achthundert Studierenden im Jahre 1944; ab 1945 liegen keinerlei Studierendenzahlen mehr vor.

Die Katastrophe des Krieges verschlang alles und spottete dem Wahlspruch der Christiana Albertina »pax optima rerum«. Das Gebäude in der Adolfstraße 3, das Bootshaus mit Fechträumen, der Übungssportplatz an der Feldstraße 21- 23 und der Sportplatz am Mühlenweg wurden 1944 nach und nach durch Bomben zerstört. Am 31. September 1944 wird das HIfL durch ministeriellen Erlass auch offiziell geschlossen. Die bombengeschädigten Liegenschaften in der Adolf- und Feldstraße wurden nach dem Kriege der Stadt Kiel übertragen. Die Adolfstraße 3, heute ein Kinderspielplatz, setzt durchaus die Bewegungstradition des IfL der zwanziger Jahre fort.